Mach diese Seite fertig!

Dein Name:

Nofretiris „Geschichte vom hässlichen Büchlein“

PRESSEMITTEILUNG:

Nach zahlreichen Fällen in den USA scheint der WTJ-Virus nun auch den Europäischen Kontinent erreicht zu haben. Bei den Infizierten, so wie in Deutschland, sind seltsame Symptome zu beobachten: Die betroffenen Personen zeigen ein gesteigertes Maß an Zerstörungswut gegenüber einem Buch. So werden Seiten zerrissen, durchbohrt, zerknittert, mit Wasser ertränkt oder sogar verbrannt. Auch die kindliche Begeisterung für Farben, Stifte, Pinsel, Kleber, Sticker und dergleichen gehört offenbar zu den Begleiterscheinungen der Infektion. Der Übertragungsweg ist Experten noch unklar, da nur vereinzelt Fälle auftreten. Der Virus kann jeden befallen, unabhängig von Alter und Geschlecht. Welche Langzeitschäden auftreten können ist derzeit spekulativ. Seien Sie aber gewarnt, es kann jeden treffen: Sogar SIE!

Offensichtlich! Es hat MICH getroffen! Und diese fiktive Pressemitteilung ist in MEINEM Exemplar von „Mach dieses Buch fertig“ auf der Seite „Möglichst hoch hinauf klettern. Dann das Buch fallen lassen.“ zu finden. Vielleicht fragen Sie sich jetzt, welche verdrehten Hirnwindungen es braucht, um von dieser recht eindeutigen Instruktion auf so eine Pressemitteilung zu kommen? Vielleicht gehören sie auch zu der kreativen Sorte Mensch und sind offen für Interpretationen? Oder vielleicht lesen Sie einfach nur gern eine kleine Geschichte?

Nun, mein Name ist Nofretiri und das ist die Geschichte meines hässlichen Büchleins:

DIE ERSTEN FUNKEN

Anfang April 2010 fragte mich meine liebe Freundin Mrs. Huvie ob ich denn „Mach dieses Buch fertig“ kennen würde. Zitat: „Es ist eine Mischung aus Beschäftigungs- und Malbuch für Erwachsene. Es geht darum seine Perfektion in Punkto Bücher abzulegen und sich mal richtig auszutoben. Auf den Seiten stehen jeweils Anweisungen die man erfüllen soll/kann. Man kann das individuell interpretieren. Am Ende kommt dann ein ganz individuell gestaltetes Kunstwerk raus. Bei jedem sieht das Buch später anders aus!“ Zitatende.

Bei so einer vielversprechenden Rezension kann man gar nicht anders als zumindest einen Blick auf das Buch zu werfen! Doch die weitere Beschreibung auf Amazon gefiel mir dann weniger. Wie? Ein Buch ZERSTÖREN? Haben sie die noch alle? Wer mich und meine Leidenschaft für Bücher kennt, weiß wie alle meine papierenen Schätze im Bücherregal aussehen. Keine Beschriftungen! Keine Flecken! Keine Eselsohren! Soweit es sich vermeiden lässt, haben nicht mal die Buchrücken meiner Taschenbücher irgendwelche Knicke! Selbst meine Arbeitsbücher werden in ordentlicher Manier mit Notizen und Haftzetteln versehen. Und jetzt sollte ich ausgerechnet all DAS mit einem Buch machen, was ich seit Jahrgedenken meide wie der Teufel das Weihwasser? Danke, aber NEIN danke!

Aus den Augen? – Für den Moment, aber mit Sicherheit ja!
Aus dem Sinn? – Nun, wohl nicht ganz!

Denn kurze Zeit später war „Wreck this Journal“, wie es im Original heißt, das perfekte Geschenk für meine Freundin in Großbritannien, die ihrem Blog zufolge nach, “Journal Addicted” ist. Beim Einpacken des Geschenks konnte und mochte ich nicht wirklich einen genaueren Blick in das Buch werfen … für mich waren es schlichtweg immer noch nichts anderes als schauderhafte barbarische Grausamkeiten!

Noch ein kleines Weilchen später sollte mich eine Mail eines besseren belehren und meine Sicht auf WTJ komplett umkrempeln. Mrs. Huvie schickte mir ihre ersten Bilder. Es war einfach unglaublich, auf welch’ wundervolle Art und Weise sie die einzelnen Instruktionen interpretiert hatte. Und nicht nur sie! Neben ihrer Gallery auf dem Bilderhost flickr, gab es noch tausende von WTJ-Bildern oder vielmehr WTJ-Kunstwerken! Die Phantasie von Mrs. Huvie und all der anderen war einfach beeindruckend. Durch sie konnte ich dem Buch eine völlig neue Seite abgewinnen, eine positive Seite, eine schöne Seite.

Manchmal stimmt es eben doch: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Auf Amazon war es weder der Buchbeschreibung noch den positiven Rezensionen gelungen, diese (mögliche) kreative Seite rüberzubringen. Vielleicht sollte man dem Verlag mal einen kleinen Tipp geben, bei Amazon eine kleine flickr-Bildergallery zu hinterlegen!

Beeindruckt hin, begeistert her, das Buch hatte immer noch nicht seinen Weg zu mir nach Hause gefunden. Da musste erst ein weiterer Zufall und ein ungeplanter, unbeabsichtigter Spontankauf mithelfen. Letzten Endes hatte meine Bekehrung zwei Monate gedauert und ein Exemplar war mein!

OH MEIN GOTT!!!

AM ANFANG WAR …

… nein, nicht das Feuer! Das kam bei mir erst am 4. Tag! Mein Anfang war viel einfacher, schlichter. Wie es sich gehört fing ich mit “Das Buch gehört” an, man sollte schließlich wissen, wer diesen ganzen Mist verbockt hatte. Außerdem half es mir, meine Scheu zu überwinden, das Buch zu “beschädigen”. So, geschafft! Da standen sie also, meine Daten und sahen irgendwie … verloren aus auf dieser leeren, weißen Seite. Also, was tun? Tja, ich beschloss, das zu machen, was ich als Schülerin schon jahrelang auf den Rückseiten diverser Blöcke geübt hatte: Ich füllte die Seite mit meinen psychedelischen Kritzelmustern. Weil das ganz gut gelaufen war, folgte ein nahtloser Übergang zur Verschönerung der “Anleitungen”. Na, wer sag’s denn, das war doch schon mal ein ganz netter Anfang und leichter als gedacht!

Es mussten erst ein paar Tage vergehen, bis ich den Mut aufbrachte mich an „Bastle eine Kette aus Papier“ zu wagen. Um bei der Wahrheit zu bleiben, ich hab’ geschummelt. Die Kette war aus echten Luftschlangen gebastelt und es waren nur ein paar Streifen aus der Seite heraus geschnitten, um die Kette befestigen zu können. „Nein!“, dachte ich mir, „so geht das nicht weiter!“ Wenn man halbherzig an die Sache rangeht, ist das nichts halbes und nichts ganzes. Eine Seite mit großem Zerstörungspotential musste her: „Setze diese Seite in Brand“! Ich glaube, eine Gans zu Weihnachten fühlt sich nicht viel anders als ich in dem Moment mit dem Feuerzeug in der Hand. Feuer und Bücher – DAS GEHT EINFACH NICHT! Aber Frau will sich ja nicht nachsagen lassen, ein feiges Federvieh zu sein. Also, reiß dich zusammen! Einmal tief Luftholen und ran an die Seite. Auch wenn mein Wohnzimmer danach roch wie nach einem Zimmerbrand! Unfassbar! Ich hatte es geschafft! Nicht nur das, mit der Feuerseite kam die Erleuchtung.

DIE FLAMME DES WISSENS

Es braucht eine Weile, um zu erkennen, welches Potential in diesem kleinen, schwarzen, unscheinbaren Buch steckt. Die naheliegende Variante ist, die Anleitungen im Buch Wort für Wort zu befolgen. Einfach mal alle „Du darfst nicht“, „Du kannst nicht“, „Du sollst nicht“ über Bord werfen, sich an dem Buch richtig auszutoben und es sprichwörtlich fix und fertig zu machen. Ich kann die Freude der Kinder und Erwachsenen fast spüren, die sich für diesen Weg entscheiden. Allerdings war von Anfang an klar, zu der Kategorie würde ich nie gehören.

Wieso auch? Keri Smith, die Autorin, muss sich schon etwas dabei gedacht haben, als sie in ihren Anleitungen schrieb: „Sei offen für Interpretationen.“ Es kann der Rettungsanker sein, den man braucht, um einige harsche oder unappetitliche Anweisungen abzumildern. Es kann aber auch eine Quelle der Inspiration sein. So, wie für mich ab der Feuer-Seite klar war, welchen Weg ich mit MEINEM Buch einschlagen will: Die Anleitungen im Buch soweit als möglich zu befolgen, sich aber mit ihnen auseinander zu setzen, nach ungewöhnlichen Interpretationen zu suchen, um aus den Ideen dann etwas künstlerisches zu machen.

Ich will es gar nicht abstreiten, bei der Gestaltung der einen oder anderen Seite stammte die ursprüngliche Idee von anderen WTJ-Künstlern – aber die Gestaltung war immer noch meine eigene. Mal abgesehen davon ist es ganz erstaunlich, wie viel, vielleicht zunächst noch unbewusst, von der eigenen Persönlichkeit zwischen den Seiten steckt. So ist es fast unvermeidlich, dass ein Hirn, dessen Besitzerin ein großer Indienfan ist, die Verbindung zwischen dem Untertitel des Buches „Erschaffen ist Zerstören“ und der indischen Gottheit Kali herstellt, die ebenfalls sowohl für Zerstören als auch Erschaffen steht. Oder bei “Kratzen” an meine beiden Katzen denkt oder bei der „Löchern“ an mein Lieblingsspiel aus Kindertagen oder bei „Kritzeln“ an ägyptische Hieroglyphen oder oder oder.

Ach ja, vielleicht sollte ich noch die Frage nach der Pressemitteilung klären. Auf eine Leiter hinauf klettern, das Buch fallen lassen und davon ein Foto auf die Seite zu kleben fand ich schlichtweg langweilig. Dann mal frei assoziiert: möglichst hoch, höher, noch höher, aus der Luft und irgendwann war ich bei Google Earth gelandet. Dass ich mein eigenes Zuhause als „Restricted Area“ deklariert habe, mag zwar etwas übertrieben sein, aber doch recht nahe an der Wahrheit, schließlich hat mich der WTJ-Virus voll erwischt. Der Schritt zum Beipackzettel in Form von obiger Pressemitteilung war dann fast schon obligatorisch.

UND DAS FEUER BRENNT WEITER

Inzwischen bin ich mit gut einem Drittel des Buches durch, für ein weiteres Drittel kleben Post-it-Zettel mit Ideen auf den entsprechenden Seiten, und für den Rest … nun, wir werden sehen!

Da nicht immer alles eitel Sonnenschein kann, vielleicht noch eine paar kleine Anmerkungen am Rande. Wenn ich mit meinem jetzigem Wissen noch mal anfinge, würde ich mir wohl zwei Bücher kaufen, beide Bücher komplett zerlegen und daraus ein neues Ringbuch machen. Wieso? Nun, das Papier des Buches ist recht dünn, aus künstlerischer Sicht eine wahre Katastrophe. Fast jeder Stift und jede Farbe drückt auf die Rückseite durch und (zer-)stört das Kunstwerk dort. Und will man jeweils eine Doppelseite pro Anweisung nutzen, können Löcher von Feuerzeugen, Trichtern, Papierketten oder Flugzeugen doch arg hinderlich sein. Deswegen zwei Bücher! Was das Ringbuch betrifft, nun, mein Buch ist inzwischen schon dreimal so dick wie im Originalzustand und ich hab noch mal die Bürosachen eingeklebt!

Obwohl es mich persönlich etwas stört, hab’ ich mich damit abgefunden, es gehört irgendwie zum einzigartigem Charme des Buches. Tja, was soll ich machen? Es ist zwar nicht immer alles ganz logisch und vielleicht auch ein klein wenig abgedreht, aber eines weiß ich ganz genau: Es macht einen Heidenspaß!

DAS HÄSSLICHE BÜCHLEIN

Es war einmal ein kleines Buch in einem Buchladen. Mit seinem sauberen schwarzen Einband und seinen sauberen weißen Seiten träumte es davon, wie schön es doch wäre, jemandes Lieblingsbuch zu sein. Wie aufgeregt es war als seine neue Besitzerin es endlich mit zu sich nach Hause nahm. Bald würden alle seinen Träume in Erfüllung gehen. Es würde gelesen werden und könnte dann stolz zwischen seinen gelesenen Brüdern und Schwestern in einem schönen Bücherregal stehen. Doch all seine Hoffnungen und Träume wurden zerstört. Es selbst wurde zerstört. Wohl als Strafe, dass auf seinen schönen Seiten nicht viel zu lesen war, wurden sie stattdessen bekritzelt, beklebt, gekratzt, durchlöchert und Gott weiß noch wie viele anderen schlimmen Sachen damit angestellt. Kein Wunder, dass seine neue Herrin es nicht zu den anderen schönen Büchern ins Regal stellen wollte, schließlich war ihm inzwischen übel mitgespielt worden. Als die Herrin auch noch Bilder von seiner Hässlichkeit machte, wünschte sich das kleine, hässliche Buch, alle seine Seiten wären bei der einen Gelegenheit verbrannt worden. Doch dann geschah etwas ganz unerwartetes, etwas womit das Buch nicht gerechnet hatte. Wie eifersüchtig war es auf die anderen Bücher der Herrin gewesen, sie wurden von ihr gelesen und in ihr Bücherregal gestellt. Doch irgendwann fiel dem Buch auf, dass es selbst es war, das immer in greifbarer Nähe der Herrin lag. Oft nahm sie das kleine Buch in die Hand und blätterte gedankenverloren darin herum. Immer noch wurden Seiten zerstört, doch diese neuen Seiten wurden jetzt respektvoll behandelt. Es meinte sogar, dass die Finger der Herrin diese Seiten ganz besonders vorsichtig, ja fast zärtlich behandelten. Auch war es zu einem ständigem Begleiter der Herrin geworden und so traf das Buch auf viele andere Menschen. Es war völlig überrascht von deren Reaktionen auf die verunstalteten Seiten, sie waren so ganz anders als erwartet. Die Menschen fanden die Seiten gar nicht hässlich, nicht mal ansatzweise. Ganz im Gegenteil. Sie waren begeistert, sie gefielen ihnen, sie fanden sie schön! Und endlich begriff das Buch. Manchmal braucht es keinen sauberen schwarzen Einband und keine sauberen weißen Seiten, um jemandes Lieblingsbuch zu werden. Stattdessen freute es sich über seine bekritzelte, beklebte, gekratzte, durchlöcherte Andersartigkeit und glänzte in einzigartiger Schönheit!

ENDE GUT, ALLES GUT.